(Beid)Handy(g)?

Diese Faszination mit Mobiltelefonen die seit einigen Jahren um sich greift ist mir ein Rätsel. Klar gibt es Menschen die rein beruflich praktisch immer und überall erreichbar sein müssen, aber die hatten doch vor der Erfindung des Telefons auch keine Schwierigkeiten. Und nach dessen Erfindung haben sie die Sache mit der Erreichbarkeit auf ihre Sekretärinnen abgewälzt, damit sie auch bloß niemand bei der Arbeit stört. Dieselben Menschen tragen heute das Telefon überall mit sich herum, als ob es nichts wichtigeres auf der Welt gäbe, als beim Mittagessen, im Kino, oder beim Toilettenbesuch für jedermann anrufbar zu sein.
Gut, bei diesen hochwichtigen Geschäftsleuten ist der Besitz des Mobiltelefons noch einigermaßen verständlich. Was aber macht denn der Rest der Bevölkerung mit dem Handy? Ausnahmslos alle Unterhaltungen die ich bisher in der Öffentlichkeit überhören musste, die über Mobiltelefone geführt wurden, ließen sich in eine von drei Kategorien einordnen:
1) Gespräche, um den anderen Anwesenden die eigene Wichtigkeit darzulegen. Die handeln dann von ominösen Dingen wie "dem Projekt", "dem Termin" oder "den Leuten aus Japan". Und werden selbstverständlich mit Inbrunst und Überzeugung von sich gegeben, damit es auch der in der letzten Reihe hört. Dass das immer echte Gespräche sind wage ich zu bezweifeln, da die Telefone dieser Menschen oftmals zufälligerweise genau dann klingeln, wenn sie sie in Händen halten und Knöpfchen drücken. Die therapeutische Wirkung dieses selbstinduzierten Überlegenheitsgefühles ist bestimmt immens.
2) Gespräche, die vollkommen überflüssig sind, und auf die die Welt komplett verzichten könnte, ohne dass sich irgend etwas ändern würde - außer vielleicht dass die Stimmbänder und Trommelfelle der Betroffenen geringere Abnutzungserscheinungen davontragen würden.
Solche Gespräche enthalten meist Elemente wie "ja, ich bin in zwei Minuten da", "ja, ich bin gerade losgegangen", oder auch "ja, heute um acht". Die zwei Minuten die der Angerufene noch gebraucht hätte bis er sich mit dem Anrufenden getroffen hätte, hätte er auch gerade noch in Stille durchleben können, wie auch der Anrufende die Spannung sicher noch kurz ertragen hätte. Solche Gespräche enden häufig damit, dass die beiden Gesprächsteilnehmer sich schon gegenseitig sehen können bevor sie endlich zum Ende kommen.
3) Diese Kategorie überschneidet sich mit der vorigen insofern, dass beide Arten des Gesprächs sehr oft nahtlos ineinander über gehen. Punkt drei sind die Ortsangaben. "Ich bin hier gerade in der S-Bahn, Station XYZ". "Ich steige jetzt in den Bus ein". Das absolute Highlight durfte ich aber kürzlich an der Uni erleben, in einem Fahrstuhl der vom untersten bis ins oberste Geschoss maximal eine Minute braucht (wenn zwischendurch jemand ein- oder aussteigt). Da hielt es doch tatsächlich ein Mitfahrender für nötig, dem Zuhörer am anderen Ende der Leitung mitzuteilen, dass er jetzt gerade im Fahrstuhl sei, an der Uni. In der Reihenfolge. Er hielt es für immens wichtig den Fahrstuhl zu erwähnen, und die Uni war ein nachträglicher Einfall von nur sekundärer Bedeutung.
Woher kommt das eigentlich, "Handy"? Und was soll es heißen? Hat sich da irgendein überschlauer Marketing(!)mensch überlegt, dass ein englischer Produktname die Verkaufszahlen steigert? Wie kam man denn dann auf den Namen? Soll der Name ausdrücken wie nützlich das Gerät ist? Oder ist es gar eine Anspielung darauf dass man es in der Hand hält? Und was war eigentlich an "Mobiltelefon" auszusetzen?
Ich stehe der ganzen Sache vielleicht etwas zu kritisch gegenüber, weil ich kein Handy habe, aber das hat alles seinen Grund: Zum einen hasse ich das Telefonieren wie die Pest, zum anderen will ich gar nicht immer und überall erreichbar sein. Das wollen die ganzen Handybenutzer aber scheinbar auch nicht, sonst würden sie das Gerät nicht abschalten - in Schule, Uni, Besprechungen, etwa. Und dann sind sie ja gar nicht mehr erreichbar, müssen aber trotzdem keine Schmerzen leiden oder furchtbar wichtige Anrufe verpassen. Und damit haben sie ja selber bewiesen dass sie das Teil nicht brauchen. Denn wenn es wirklich wichtig ist, dann meldet sich der Anrufer auch später noch einmal - zur Not übers Festnetz.